Abhängigkeit. Figur, in der die öffentliche Meinung die charakteristische Verfassung des dem Liebesobjekt unterworfenen liebenden Subjekts sieht.
I
das sinnen-ich
kann fühlen dich
das sinnend ich
dich sprechen nicht
das fühlen-ich
kann lieben dich
das sprechend ich
dich fassen nicht
im begriff vom uns
bricht sein an sinn:
das gefühlte wort
ist weniger ein ding
und mehr als wir
ein --- verschlägt sofort
die sprache mir
II
du siehst doch
wie mein ich an deinem hängt
ich seh noch
wie mein ich sich selbst verdrängt
durch ein wir
das du nicht bist
durch ein dir-mir
das ein uns nicht ist
ich seh mich an und blick
von dir auf mich herab
und aus missverständlichem geschick
wird ein possessives grab
Abwesenheit. Jede Sprachepisode, die die Abwesenheit des geliebten Wesens inszeniert – gleichgültig, von welcher Dauer und aus welchem Grunde – und diese Abwesenheit in eine Verlassenheitsprüfung umzudeuten geneigt ist.
deine abheit west mich an:
im leerbett liegt ein herz
darüber schlägt ein körper
begehrend wellen hoch
dem fehlstück zu
vergeblich schmerzt aus dem gelochten leib
ein missensschrei
den schwarzen ozean aus schaum zu überbrücken
doch der pectuslaut verhallt
eh das cardiaohr vernimmt
den ohnmachtsruf:
füll- und fassung sind entzweit
kontinentale liebesdrift schafft einsamkeit
Allein. Die Figur verweist nicht auf das, was die menschliche Einsamkeit des liebenden Subjekts sein mag, sondern auf seine „philosophische“ Einsamkeit, zumal sich der leidenschaftlichen Liebe heute kein bedeutendes Denk-(Diskurs-) System annimmt.
mein ich liegt neben dir und denkt
sich weg von uns
nur ein ganz kleines stück verschränkt
sich mein ich aus mir heraus
und liegt jetzt hypothetisch zwischen uns
nichts als zwangsgeteilte idiosynkrasie
ganz allein zu dritt sind wir
mein über alles ich und du
von mir bedrängt von dir gehemmt
als wär es nicht schon schwer genug
an sich allein so für sich da zu liegen
von mir aus: vom neben-ich zum zwischen-uns sind wir
mit dir verlassen und
beschränkt sich mein ich auf dich
ist man zusammen immer noch
und denkt für sich
allein
Anbetungswürdig. Da es dem liebenden Subjekt nicht gelingt, die Besonderheit seines Verlangens nach dem geliebten Wesen zu benennen, greift es zu dem etwas dummen Wort: anbetungswürdig!
müh mich ab von dir zum wort:
du bist sag ich bist wie ich nicht.
das zerdenken treibt die sprache fort:
bist du frag ich wie bist du nicht?
das immer gleiche anders sagen:
du wärst sag ich wärst wie ich nicht.
zweckmäßig sinnvoll tautologisch fragen:
wärst du mein ich wie wärst du nicht?
vor lauter sprache müd geworden:
du bist ich nicht
rein sprachlich das gefühl entsorgen:
du bist nicht ich?
müh mich ab von wort zu wort:
wer bist du ich?
du kommst von der sprache fort:
ich nicht.
Angst. Das liebende Subjekt fühlt sich, nach Maßgabe dieser oder jener zufälligen Begebenheit, von der Furcht vor einer Gefahr, einer Verletzung, vor Verlassenwerden, vor einem Umschwung heimgesucht – von einem Gefühl, dem es den Namen Angst gibt.
von deinem dir ganz hingerissen
in einen wunsch vom uns verbissen
hat mein ich ganz unverglichen
aus meinem mir sich ausgestrichen
Askese. Sei es, daß das liebende Subjekt sich dem Liebesobjekt gegenüber schuldig fühlt, sei es, daß es ihm Eindruck machen will, indem es ihm sein Unglück vor Augen führt: es erlegt sich ein asketisches Selbstbestrafungsgebaren auf (Regelung des Tagesablaufs, der Kleidung usw.).
ist mein ich mit uns allein,
(ganz ohne dich auf mich gestellt)
redet schuldig es sich ein:
(dass es dem mir mit sich gefällt)
getrennt vom uns kann ich nicht funktionieren,
(von meinem dir zum uns gemacht)
kein wir kann sich mir eruieren.
(dir ist dein ich auch schon genug)
fragt dich mein wir nach einem sinn,
(die subtraktion vom uns zeigt den betrug)
sagt mir mein dir am ende wer ich bin.
Atopos. Das geliebte Wesen wird vom liebenden Subjekt für „atopos“ gehalten (eine Bezeichnung, die Sokrates von seinen Gesprächspartnern verliehen wird), das heißt für nicht einzuordnen, von immer wieder unvorhersehbarer Originalität.
ich entorte dich von mir
damit du wirst was ich zu wünschen glaube
zusammensein im geiste heißt:
ich geh dir mit mir fremd
und betrüge doch nur mich
am ende bin ich doch am ende
angekommen ohne ziel
weit weg von dir mit mir allein
und denke immer noch
an uns
Auswege. Lösungsillusionen jeder Art, die dem liebenden Subjekt trotz ihres häufig katastrophenartigen Charakters vorübergehend Ruhe verschaffen; phantasmatische Handhabung möglicher Auswege aus der Liebeskrise.
ohne ziel
längst in dir festgeliebt
und mehr als nur zuviel
sehr ausweglos in die idee vertieft
von noch vielmehr
als phantasien
steckt die rolle doppelt fest
aus der affäre ziehen:
eine katastrophenkunst mit rest
als leerfigur
ein ausweg-
loses ich geblieben
als liebend abgeleg-
tes ende umgeschrieben ungelesen
und verloren
ohne plan
gemeinsam gehen heißt
fadentausch im doppelwahn
bis man auseinanderreißt
führt kein weg
hinaus
Begegnung. Die Figur bezieht sich auf die glückliche Zeit unmittelbar nach der ersten Verzückung, bevor sich noch die Komplikationen der Liebesbeziehung bemerkbar machen.
endlich
(erblick ich dich)
in einem augenblick
(gehst du mit ihm)
vorbei
Erwartung. Angsterfüllung, die durch das Warten auf das geliebte Wesen ausgelöst wird, nach Maßgabe kleiner Verspätungen (Verabredungen, Telephonanrufe, Briefe, Heimkehrverzögerungen).
in unserer erwartung deines dich
harrt mein ich mit mir ganz feierlich
jedem noch so kleinen zeichen
die ihm alle dich bedeuten
kopflos: ohne ein gefühl für proportion
gibt mein ich dem warten die funktion
für dich zu sein sich nicht zu rühren
um uns als kleines trauerstück zu inszenieren
vorspiel: mein ich erwartet dich
akt eins: du bist nicht da - gehe oder bleibe ich
akt zwei: ging ich kämst du mit dir noch hin
akt drei: blieb ich hätt mein warten keinen sinn
mein ich erlöst sich in der angstoption
trennt dich vom uns durch subtraktion
dein ich ist eine halluzination vom mir
im sorgenwahn entlässt es sich von dir
Zueignung. Sprachepisode, die jedes reale oder geplante Liebesgeschenk oder, allgemeiner noch, jede tatsächliche oder innere Geste begleitet, mit der das Subjekt dem Liebesobjekt [sich selbst] zueignet.
mench: such
ein zweites nach
gleiches wie dich
nur besser ich
mit schmetterling
am rechten fleck
geh find, find lieb
mit lippen am schlag
er kennen sie
das längst umsäumte
ich du wir: zweieinander
den finger beringt
Zugrundegehen. Untergangsanwandlung, die das liebende Subjekt aus Verzweiflung oder Glückerfüllung überkommt.
ich will mit dir zugrundegehen!
sollten wir uns dennoch sehen(?)
will ich mit dir auf den grund zugehen
– denn –
noch gibt es keinen grund zu gehen!
im grunde sollten wir uns dennoch sehen
noch bevor wir zwei dem grund zu gehen
zusammen auf den grunde gehen
nur um uns dabei zuzusehen:
wie wir zwei zugrundegehen(?)
(vielleicht gibt es einen grund zu gehen)
– denn –
nur mit dir will ich dem grund zugehen!
um im grunde nichts zu sehen
außer wie wir zwei zugrundegehen
– denn –
im grunde gibt es keinen grund zu gehen
auch nicht um dem grund zu gehen
zusammen auf den grund zu gehen
aber zum zugrundegehen(?)
sollten wir uns dennoch sehen
– dann –
will ich mit dir zugrundegehen!